Wer war Ottomar Domnick?

Zwischen Herbst 2024 und Winter 2025 führte die Landesfilmsammlung ihr vermutlich größtes Restaurierungsprojekt durch: die Digitalisierung der Filme von Ottomar Domnick. Zum Abschluss im November 2025 liegt nun sein (fast) komplettes filmisches Oeuvre in hochauflösender und restaurierter Fassung vor: zwei Dokumentarfilme, zwei Spielfilme und drei Experimentalfilme. Aber wer war eigentlich Ottomar Domnick und was macht seine Filme so besonders?

Ottomar Domnick - Arzt, Kunstsammler, Autor, Verleger und Filmemacher

Das komplette filmische Schaffen von Ottomar Domnick (20.04.1907–14.06.1989) umfasst sechs Lang- und zwei Kurzfilme, teilweise preisgekrönt. Dabei hat er zunächst keine filmischen Ambitionen. Es ist vielmehr sein jüngerer Bruder Hans Domnick, der sich eine Karriere in der Filmbranche als Regisseur und Produzent aufbaut (u.a. „Panamericana – Traumstraße der Welt“, 1958).

Was für Fantasien werden bei der Filmarbeit freigesetzt! Es gibt kaum Grenzen. Nichts scheint unmöglich. Der Film ist ein großer Zauberer.

Nach der Mittleren Reife macht Ottomar Domnick eine Ausbildung in einer Fabrik für Landmaschinen. Entschließt sich nach einem Jahr doch für das Abitur und studiert zwischen 1927 und 1933 Medizin in Berlin. Später hängt er noch eine Facharztausbildung für Neurologie und Psychiatrie an. Bereits 1938 eröffnet er eine Praxis in Stuttgart Bad Cannstatt. Kurz nach Kriegsausbruch wird er zum Wehrdienst eingezogen. Er arbeitet zunächst im Reservelazarett in Cannstatt und zwischen 1941 und 1943 an der Ostfront. Aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft bricht er im Juni 1945 aus und flüchtet mit einem Fahrrad bis nach Stuttgart. Dort richtet er zusammen mit seiner Frau Greta Domnick eine psychiatrische Praxis ein, die sie 1951 zu einer Privatklinik erweitern und bis 1984 führen.

Domnicks Weg zum Film

Nichts deutet also auf einen Weg in das Filmgeschäft hin. Die ersten Schritte kommen in den 1950er Jahren durch die Bildende Kunst, im speziellen die abstrakte Malerei: „Film ist in seinem Wesen Optik. Malerei ist auch eine optische Angelegenheit. So kam ich als Sammler moderner Malerei zum Film“. (Domnick in seinem Einführungsvortrag zu „Jonas“)

Das Ehepaar Domnick hat einen großen Freundeskreis aus Intellektuellen Stuttgarts und beginnt früh, abstrakte Kunst zu sammeln. Erste Kontakte zu Willi Baumeister entstehen bereits direkt nach dem Krieg (1946).  In der Praxis organisieren sie Ausstellungen und Vorträge aus denen 1948 eine Buchveröffentlichung mit dem Titel „2e Salon des Réalités Nouvelles“ hervor geht. Um diese Kunstrichtung weiter zu verbreiten, geht Ottomar Domnick auf Vortragsreisen und erstellt schließlich seinen ersten Film Neue Kunst – Neues Sehen (1950), der das Prädikat „besonders wertvoll“ erhält und als Vorfilm in den Kinos gezeigt wird. Es folgt 1954 ein Porträt über Willi Baumeister. 1957 kommt sein erster und viel prämierter Spielfilm Jonas in die Kinos. Drei Jahre später kann er sein Publikum mit Gino (1960) nicht überzeugen, worauf er sich dem abstrakten Film zuwendet. Es folgen der abstrakte Reflexionsfilm ohne datum (1962), der collagenhafte Film N.N. (1968/69) und Augenblicke – ein Essayfilm zur Umweltverschmutzung (1972). Mit seinem Portrait über sich selbst – Domnick über Domnick (1979) schließt er seine Zeit als Filmschaffender ab. 1988 erhält er das Filmband in Gold für langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film.

Zum Tode von Ottomar Domnick 1989 schreibt der damalige Direktor der Staatsgalerie Peter Beye: „Ottomar Domnick war nicht nur einer der engagiertesten Förderer der Nachkriegsmoderne, er war zugleich auch ihr Entdecker. Vor allem war er ein schöpferischer Mensch, der Kunst nicht nur reflektierte, sondern eigene Gestaltungen – sei es im Film oder im Aufbau seiner einzigartigen Sammlung – umsetzte. Es ist dieser künstlerische Wesenskern, der die Persönlichkeit Ottomar Domnicks und ihre Ausstrahlung ausmachte.

Das filmische Werk Ottomar Domnicks

Zur Einordnung des filmischen Werkes von Ottomar Domnick steht in der Geschichte des Deutschen Films: „Sein Spielfilmexperiment Jonas hat dem Jungen deutschen Film den Weg bereitet.“ (Geschichte des Deutschen Films, 1993). Neben Herbert Vesely wird Ottomar Domnick die Neubegründung einer Experimentalfilmbewegung in Deutschland der Nachkriegszeit angerechnet.

In seinem Nachruf wird er als „Seelenforscher auf Zelluloid“ bezeichnet, denn ihn faszinierten die Ängste der Menschen in der modernen Welt: „Film ist eine Angelegenheit der Optik und der Arztberuf ist auch vorwiegend ein optischer … Der ärztliche Blick, die Kenntnis des Menschen und seiner Probleme und schließlich die Liebe zum Bild. Vielleicht sind es diese drei Faktoren, die meine Filmpassion ausmachen.“ (Interview zu „Ohne Datum“ für die Abendschau, 1962).

Filmpreise von Ottomar Domnick

Seine Stilmerkmale sind innere Monologe und eine grafisch orientierte Bildkomposition. Innere Monologe und assoziative Gedankenspiele visualisierte er des Öfteren über eine Bild-Tonschere, die bewusst eine Asynchronität zwischen dem Bild und dem Ton auch bei Dialogszenen bedeutet. Seine Bildkompositionen, die er nicht nur als Regisseur dominiert, sondern später selbst hinter der Kamera umsetzt, zeigen strenge, kontrastbetonte Aufnahmen mit einer starken grafischen Wirkung. Er verzichtet auf das Filmen im Atelier und nutzt bevorzugt vorhandene Lichtquellen gegenüber Filmlicht. Ottomar Domnick war ein Vertreter des Autorenfilms. Schon während der Arbeit an Jonas übernimmt er neben dem Drehbuch die Regie und bei den folgenden Projekten auch die Kamera. Dieser Form des Filmemachens blieb er seine Filmkarriere lang treu.

Filmstill aus "Jonas" (1957)

In seinem Buch „Ottomar Domnicks Jonas“ fasst Guntram Vogt es so zusammen: „Es ist die Rede von einem Außenseiter, der diese Rolle bewusst angenommen hat. Dass er seiner Zeit im Deutschen Kino voraus war, ist ein Faktum. Wie groß oder wie gering sein Einfluss auf die nachfolgende Generation war, hat damit zunächst nichts zu tun, auch wenn aus heutiger Sicht die Erkenntnis eindeutig ist.“ (aus: Ottomar Domnicks „Jonas“ – Entstehung eines Avantgardefilms (2007))

Die Digitalisierung

Der Filmbestand liegt seit Anfang der 2010er Jahre in der Landesfilmsammlung vor. Schon lange war daher geplant, die Filme für eine moderne Präsentation zu digitalisieren und zu restaurieren. Der Umfang und Zustand des Bestandes machte jedoch deutlich, dass es sich hier um ein kosten- und zeitintensives Projekt handeln würde. Rechteinhaber ist zudem der SWR. Eine Digitalisierung konnte nur als koordiniertes Gemeinschaftsprojekt gestartet werden. Nach einigen Anläufen und  Wartezeiten kam im Juni 2024 die großartige Nachricht,  dass 80% der Digitalisierungskosten durch das Förderprogramm Filmerbe der Filmförderungsanstalt übernommen werden. Im September 2024 konnte endlich begonnen werden. Die Digitalisierung wurde bei Artus Postproduktion in Ludwigsburg durchgeführt. Das ganze Projekt umfasste einen Kostenrahmen von ca.  180.000 Euro und dauerte bis Ende November 2025.

Von seinen acht veröffentlichten Filmen liegen nun sieben in einer hochauflösenden restaurierten Fassung vor und können als DCP in der Landesfilmsammlung angefragt werden. 

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